Wie ich aufhörte, meine eigene Welt zu verlieren

Veröffentlicht am 30. April 2026 um 17:23

Über das Werkzeug, das ich zuerst für mich selbst gebaut habe — und warum es jetzt anderen helfen könnte.

Beim ersten Buch war alles einfach. Ich hatte eine Hauptfigur, ein Dorf, ein Wirtshaus und drei Nebenfiguren. Der Plot kam mir abends im Bett in den Sinn. Ich brauchte keine Tabelle, kein System und keine Notizen über Notizen. Wenn ich morgens wieder vor dem Manuskript saß, wusste ich genau, wo ich war. Die Welt passte in meinen Kopf.

Es begann beim zweiten Buch.

Es war nichts Dramatisches. Eine Nebenfigur aus dem ersten Buch sollte jetzt eine eigene Szene bekommen – und plötzlich wusste ich nicht mehr, ob sie blaue oder graue Augen hatte. Ich blätterte zurück, fand die Stelle nach zwanzig Minuten, war kurz erleichtert und dann wieder beim Schreiben. Eine Stunde später fragte ich mich: In welchem Kapitel hatten sich diese beiden zum ersten Mal getroffen? Wieder zurückblättern. Wieder waren zwanzig Minuten vergangen.

Ich begann, eine Datei anzulegen. Charakterliste.docx. Dann eine zweite: „Orte.docx”. Dann kam eine dritte für Magieregeln, weil mir aufgefallen war, dass ich an einer Stelle vergessen hatte, was ich an einer anderen festgelegt hatte. Bald hatte ich vier, fünf, sieben Dateien – und das Problem hatte sich nur verschoben. Anstatt im Manuskript suchte ich jetzt in der falschen Datei.

Beim dritten Buch wurde es kritisch

Eine Trilogie ist kein dreifacher Roman. Sie ist ein Geflecht. Was du in Buch eins beiläufig erwähnt hast, kommt in Buch drei zurück und muss eingelöst werden. Ein Magier, der beiläufig einen Stab dabei hatte. Ein Wirtshaus mit einem Namen, der zu klingen begann. Eine Region jenseits des Sees, die im ersten Buch nur eine Nebenbemerkung war und im dritten plötzlich zum Schauplatz eines wichtigen Aufeinandertreffens wird.

Als ich an einem Mittwochabend an Buch drei schrieb und eine Szene verfasste, in der eine ältere Figur einer jungen begegnet, musste ich das Schreiben unterbrechen, weil ich mich nicht mehr daran erinnerte, ob sich die beiden schon einmal vor zwei Büchern gesehen hatten. Wenn ja, dann musste es eine Begegnung sein. Wenn nicht, dann ein erstes Treffen mit Spannung. Es dauerte vierzig Minuten, bis ich die Szene wiedergefunden hatte. Vierzig Minuten Schreibfluss waren dahin.

In dieser Nacht beschloss ich, mir ein geeignetes Werkzeug zu suchen.

Auf der Suche nach dem richtigen Maß

In den ersten Wochen habe ich mich erst einmal umgesehen. Es gibt eine erstaunliche Menge an Software für Autoren und ich habe die meisten davon angetestet.

Scrivener nutze ich seit Jahren täglich. Es ist mein Schreibwerkzeug, und ich werde es nicht wieder hergeben: Die Recherche-Ablage, die Korkenwand und der distraktionsfreie Modus sind großartig. Aber Scrivener ist primär eine Schreibumgebung pro Projekt und keine Welt-Übersicht über mehrere Bücher hinweg. Wenn du eine Reihe schreibst, hast du in Scrivener mehrere Projekte und es fehlen einfach der Lore-Pool, der Figuren-Stammbaum und die Beziehungs-Mindmap. Das ist jedoch keine Schwäche. Es ist einfach nicht das, wofür Scrivener gemacht wurde.

Notion fühlte sich nach den ersten Tagen so an, als müsste ich mehr Zeit in die Pflege meiner Datenbanken investieren als ins Schreiben. Außerdem gibt es einen Cloud-Zwang. Was passiert, wenn ich offline bin? Was, wenn der Anbieter den Tarif ändert? Was, wenn das Konto morgen abläuft?

Wikis und Mind-Mapping-Tools waren entweder zu umfangreich – sie sind für Teams gedacht, nicht für Einzelpersonen – oder sie ließen wichtige Funktionen vermissen: Versionsverlauf, Export und eine übersichtliche Darstellung.

Was ich suchte, war eigentlich klar umrissen. Ich suchte ein Werkzeug, das die wesentlichen Anforderungen einer Romanplanung abdeckt, ohne sich in übermäßiger Komplexität zu verlieren. Schlank. Intuitiv. Die Lernkurve sollte in einer halben Stunde durchschritten sein. Es sollte auf jedem Computer mit einem Browser lauffähig sein, ohne Mindestanforderungen, Installation oder Konfiguration. Ein Werkzeug, das mir gehört.

Ich fand nichts, das genau dieses Maß traf. Also beschloss ich, es selbst zu bauen.

Das erste Wochenende

An einem Samstagmorgen begann ich. Ich öffnete einen Editor und eine leere HTML-Datei und schrieb die ersten Zeilen. Ich hatte keinen Plan, wie das Ganze enden würde, aber ich hatte eine Liste der Bereiche, die ich brauchte. Übersicht, Szenen, Lore, Mindmap, Werke, Projekte, Daten. Sieben Reiter. Im Header platzierte ich einen Kompass, weil mir das Bild gefiel: ein Werkzeug, das einem hilft, die Richtung nicht zu verlieren.

Die Übersicht — Startpunkt jeder Schreibsitzung. Aktives Werk, Wortzahl-Fortschritt, Status der Szenen, Schnellzugriff auf zuletzt Bearbeitetes.

Was ich nicht erwartet hatte, war, wie schnell das Tool selbst zur Hilfe wurde. Schon beim Erstellen des Lore-Pools fielen mir Inkonsistenzen in meiner Welt auf. Zum Beispiel eine Stadt, die ich in Buch eins anders beschrieben hatte als in Buch zwei. Ein Magieprinzip, das ich versehentlich zweimal unterschiedlich formuliert hatte. Auch den Drachen-Stammbaum hatte ich nie sauber aufgemalt, doch jetzt lag er endlich als Mindmap vor mir und ergab tatsächlich Sinn.

Der Lore-Pool — ein lebendes Lexikon der Welt. Figuren, Orte, Drachengötter, Magie, Völker, Artefakte, Ereignisse: alles an einem Ort, tippbasiert durchsuchbar.

Nach zwei Wochen war eine erste Version fertig. Sie war hässlich. Sie hatte Bugs. Aber sie funktionierte. Ich begann, meine bestehende Trilogie Szene für Szene, Figur für Figur hineinzuziehen. Es dauerte ein paar Abende. Am Ende stand eine Welt, die ich nicht mehr im Kopf behalten musste. Sie hatte einen Ort gefunden.

Die Mindmap — wer ist wessen Mutter, wer trägt welches Artefakt, wer hat wen wann getroffen? Was im Kopf irgendwann zu komplex wird, wird hier sichtbar.

Vom eigenen Werkzeug zum geteilten

Ich habe den Erzählkompass für mich selbst gebaut. Je länger ich damit arbeitete, desto öfter dachte ich jedoch an andere Autorinnen und Autoren, die genau dieselben Probleme haben müssen – vor allem diejenigen, die an einer Reihe schreiben oder eine Welt erschaffen, die sich über mehrere Bücher erstreckt.

Also habe ich das Werkzeug ein paar Wochen lang überarbeitet. Klarere Beschriftungen. Eine ruhigere Optik. Ein Handbuch. Eine Installationsanleitung für IT-Fremde, denn das Tool ist eine HTML-Datei, die im Browser läuft – ohne Installation, ohne Konto, ohne Internetverbindung nach dem Download. Was du eingibst, bleibt in deiner Datei auf deinem Rechner. Genau so, wie ich es selbst haben wollte.

Es ist kein Allzweckwerkzeug. Es ist ein Werkzeug, das eine Sache richtig machen will: dir dabei helfen, die Übersicht über deine eigene Welt zu behalten, wenn sie zu groß wird, um sie noch im Kopf zu behalten. Geschrieben wird weiterhin in Scrivener – der Erzählkompass ergänzt, was Scrivener nicht kann, ohne es zu ersetzen.

Was ich gelernt habe

Wenn ich heute zurückschaue, ist das Schreiben mit dem Tool nicht wesentlich schneller geworden. Aber es ist ruhiger geworden. Ich muss nicht mehr vierzig Minuten damit verbringen, eine Szene aus Buch eins zu suchen. Ich blicke in den Lore-Pool, sehe den entsprechenden Eintrag, klicke auf die verknüpfte Szene und bin innerhalb weniger Sekunden da, wo ich hinwollte. Die kleine Reibung, die mich früher aus dem Schreibfluss riss, ist verschwunden.

Vielleicht ist das die schönste Wirkung von Werkzeugen, die wirklich passen. Man merkt sie nicht. Man schreibt einfach.

Den Fantasy-Erzählkompass findest du ab heute im Shop. Du erhältst eine HTML-Datei, ein Handbuch und eine Installationsanleitung. Es gibt keine Cloud, kein Abo und keine Überraschungen. Wenn du Fragen hast oder Rückmeldungen geben möchtest, schreib mir gerne.

Erzaehlkompass Onepager V 1 Pdf
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